Wir trotzten dem Sturm und Schnee,
wir trotzten den Bären und Wölfen,
wir trotzten der Kälte in der Nacht,
wir trotzten den Naturgewalten.
Bei der Planung für meine nächste Wanderung (in diesem Fall die vergangene) legte ich mich erst einige Tage vor Wanderbeginn auf ein Ziel und damit eine Übernachtungsmöglichkeit fest. Durch den Ratschlag einer Bekannten vom Tourismusinformationsbüro in Sibiu wurde ich auf die Cabana Prejba im nahen Lotrugebirge hingewiesen. Die Cabana Prejba wird von der Bergwacht – Salvamont – verwaltet und recht unbürokratisch erfuhren wir zwar, dass im Moment niemand in der Cabana sei, aber bei Bedarf jemand für uns da sein werde und die Unterkunft gesichert sei. So fanden wir am Samstagabend, als wir etwas spät ankamen, ein geheiztes Zimmer und warmen Tee vor.
Unseren Startpunkt hatte ich aus gruppentechnisch-logistischen Gründen auf die Ortschaft Talmaciu gelegt, wohinwir mit dem Zug bzw. mit dem Bus gelangten.
Bevor wir aber in die Bergwelt eintauchten, mussten wir noch durch die Ortschaft Talmacel am Fuße des Lotrugebirges. Jeder in der Ortschaft wusste schon bei unserem Anblick, wohin wir auf dem Weg waren – zur Cabana Prejba. Von dort folgten wir noch eine bis zwei Stunden einem Tal nach Westen hin bis es für uns steil nach oben ging. Dieser Berg, welcher für uns die erste unerwartete Hürde zeigte, nahm uns sicher etwa eine Stunde Zeit weg. Ich hatte mit Schnee und dem daraus entstehenden Geschwindigkeitsverlust zwar gerechnet, aber nicht in dieser Größenordnung. Statt knietiefer Pulverschnee erwartete uns eine gefrorene Schneedecke, die unter Last einbrach. Wie in Sibiu hatte es auch hier die Tage zuvor etwas getaut, wovon die obere Schneeschicht getaut und wieder gefroren war. An manchen Stellen brach man ein und andere Schneepartien, welche der Sonne länger ausgesetzt waren, hielten unserem Gewicht stand. An manchen Stellen brach man nur knöcheltief ein und anderswo bis zum Knie oder weiter. Dies und die Steigung des Berges nahm uns viel kostbare Zeit. Diese Wanderbedingungen sollten sich auch die nächsten zwei bis drei Stunden nicht ändern. Wir versuchten so, die Fußstapfen des Vorgängers zu nutzen, um Energie zu sparen, und wechselten uns mit dem Spurentreten ab.
Nach einiger Zeit fiel mir eine Diskrepanz zwischen unserer wahrscheinlichen Position und den Darstellungen der Karte auf. Wir befanden uns auf der Nordseite eines Bergrückens und hätten schon längst auf der Südseite sein sollen. Durch den Schnee war uns kein Weg in diese Richtung aufgefallen und wir blieben vorerst auf der Nordseite. Umso mehr waren uns verschiedene größere Tierspuren im Schnee aufgefallen. Von Bären- und Wolfsspuren bis hin zum Yeti, der gerade Urlaub in den Karpaten machte, reichten unsere Erklärungsversuche. Später sollten diese Spuren sich als Wolfsspuren herausstellen. Ich war überrascht, wie oft wir diese großen Spuren während der zwei Tage zu Gesicht bekamen…
Nachmittags, etwas nach 16.00 Uhr, etwa eine Stunde vor Beginn des
Sonnenuntergangs und nach verschiedenen Deutungsversuchen, an welcher Stelle wir uns auf der Karte befanden und wo noch ein Weg zur Cabana führen könnte, entschieden wir uns dafür, den kürzesten Weg ins Tal zu suchen. Von unserer vermeintlichen Position aus lag die Cabana noch zwei Stunden Unsicheres-durch-die-Gegend-Irren von uns entfernt. So war es am sichersten, lieber ins Tal zu gehen, wo der Weg in die Stadt Sadu nicht weit war.
Nach etwa 20 min Abstieg stießen wir unverhofft auf eine einzelne Fußspur und einen markierten Weg. Zwischendurch hatte ich den Cabaniero(Cabanenwirt) schon von unserer Planänderung durch eine SMS unterrichtet. Nach kurzer Diskussion und einem Anruf beim Cabaniero, dass wir doch noch kämen und den Weg gefunden hätten, änderten wir schnell unseren Plan und sahen fantasiehaft die Cabana vor uns auftauchen. Hätten wir vorher gewußt, dass wir bis zur Cabana aber trotzdem noch zwei bis drei Stunden stetes Bergauf-Schneestapfen vor uns hatten, wären wir sicher in die andere Richtung und zwar ins Tal gelaufen.
Anfangs ging es noch bei wenig Schnee durch den Wald, später über harten Schnee auf einer großen Poiana (Bergwiese) und dann mussten wir wieder die Fußstapfen unseres Vordermannes nutzen. Die Dunkelheit hatte uns gefangen und nur mit Taschenlampen konnten wir der Spur zur Cabana folgen. Auch wenn uns die noch zu bewältigende Distanz nicht bewußt war, führte uns der letzte Kilometer über einen baumlosen Bergrücken. Von hier aus konnten wir durch das viele künstliche Licht Sibiu, Cisnadie und Sadu sehen.
Als wir auf einer Ebene an einem Kreuz vorbeiliefen, wusste ich, wir würden sehr bald die Cabana ereichen.
Mit unseren Taschenlampen konnten wir immer nur die nächsten 30 m ausleuchten, doch bald zeigte sich, etwas den Berg hinunter, erst ein erleuchtetes Fenster und dann noch ein zweites Fenster – hurra wir hatten die Cabana gefunden. Beim Betreten der Cabana zeigte die Uhr 19:30 Uhr an.
Wir hatten nun ein warmes Zimmer und Tee, hatten die Möglichkeit, unsere Kleidung zu trocknen und konnten uns endlich ausruhen. Wir hatten den Tag über zwar oft Pause gemacht, aber wegen der Kälte hielten wir uns nie länger als 10 min auf. Die Pausen wurden immer nur kurz genutzt, um die Schultern zu entlasten und um etwas zu essen und zu trinken, bevor uns die Kälte wieder vorwärts trieb. Wir waren von 8:15 Uhr an ständig auf den Beinen gewesen, hatten geschätzte 18 bis 20 km Bergwelt zurückgelegt.
Der Cabanenwirt hielt uns wohl für etwas verrückt und meinte, dass es im Winter wohl nur selten vorkäme, dass Wanderer aus Richtung
Talmaciu zur Cabana kämen, da es von dort im Winter keine Trasse gäbe, sondern nur von Sadu aus.
Ich hatte erwartet, dass die Cabana in der Nacht mit Taschenlampen und Kerzen erleuchtet wird, jedoch brannte zu unserer Überraschung elektrisches Licht. Durch Solarzellen wird eine Batterie gespeist, welche genügend Strom für einige Glühbirnen liefert. Das große Zimmer mit Platz für etwa 40 Personen wird durch einen großen Kachelofen erwärmt. Weiter fand ich einen Raum für die Lagerung von Brennholz und einen größeren Aufenthaltsraum mit Tischen und Stühlen.
Ich konnte die Nacht über schlecht schlafen und war sehr oft wach. So kümmerte ich mich um das Feuer im Ofen und unternahm nach Sonnenaufgang einen kleinen Ausflug.
Wärend ich durch den Schnee zur Bergspitze hinauflief, konnte ich die umliegende Bergwelt bewundern und fotografieren. Am Horizont sah ich Wolken, die Sicht auf die umliegenden 20 km war jedoch noch klar. Später, als wir die Cabana verließen, hatten wir keine so gute Sicht mehr.So konnte ich nach Nord-Westen hin im einen Steinwurf entfernten Cindrelgebirge die Stanas und Scheunen an den Berghängen sehen. Nach Norden hin Sadu und Sibiu, welches noch im Morgendunst verhüllt war. Im Osten zeigten sich die Fagarascher Karpaten mit ihren schneebedeckten Gipfeln und nach Süden hin waren die bewaldeten Gebirgszüge des Lotrugebirges zusehen. Obwohl der Wind sehr heftig blies, blieb ich noch eine Weile auf der Spitze des Vf. Prejba (1744m) , um die Aussicht zu genießen. Bei gutem Wetter und klarer Sicht sollte man diese Spitze von Sibiu aus sehen können. Nur bräuchte man sicher ein Fernglas, um die einzelnen Bergspitzen unterscheiden zu können.
Vorher Antritt zu dieser Wanderung hatte ich erfahren, dass vor längerer Zeit auf diesem Berg ein Flugzeug abgestürzt sei. Und zwar vor mehr als 30 Jahren, im Jahre 1974, ist dieses Flugzeug hier abgestürzt und drei Personen
sind gestorben.
Es sind Kreuze angebracht, die man von der Cabana aus gut erreichen kann. Ich fand vier Kreuze (drei separat und eines mit einem Steinhaufen). Sie befinden sich zwischen der Cabana und der Spitze des Vf. Prejba. Man kann sie von der Cabana aus sehen, und beim Herabsteigen vom Gipfel lief ich an ihnen vorbei.
Für den Rückweg hatten wir den Hüttenwirt nach dem kürzesten Weg ins Tal nach Sadu gefragt. Erst sollten wir etwas dem blauen Dreieck folgen und dann dem roten Punkt - so kämen wir am schnellsten ins Tal. Jedoch wollte er uns ein Stück begleiten und als er nach einer recht aufwändigen Prozedur die Cabana wieder wind- und regendicht gemacht hatte, liefen wir gegen 11:30 Uhr gemeinsam los. Jedoch blieb der Cabaniero bis zur Ankunft in Sadu bei uns. Den Berg hinunter, so lang noch Schnee lag, fuhr er mit seinen Skiern etwas voraus, wartete ein bisschen auf uns
und fuhr wieder etwas voraus.
Nach einem teilweise sehr steilen Abstieg hatten wir Sadu 15 Uhr ereicht. Dort fanden wir ein Café, wo wir uns setzten und ausruhen konnten. Bei Bier bzw. Kaffee und dem Anschauen der Bilder auf der Kamera ließen wir die Wanderung Revue passieren.
Ich muss selber zugeben, dass diese Wanderung ein recht riskantes Unternehmen war. Ich hatte damit gerechnet, dass der Schnee in den höheren Gebieten Pulverschnee sei, was jedoch nicht zutraf und uns viel Zeit und Kraft kostete. Vielleicht wäre es viel leichter gewesen, wären wir markierten Wanderwegen gefolgt. Nur leider ist mein Kartenmaterial sehr grob und lässt das Wandern danach nicht zu.
Andererseits war die Zivilisation auch sehr nahe, sodass eine Umkehr oder Änderung an jeder Stelle möglich war.
Durch die Schwere des Weges, dass man immer hintereinander laufen musste, gab es leider nicht oft die Möglichkeit zu Gesprächen. So war jeder mit sich und seinem nächsten Schritt beschäftigt. Ebenso war es erstaunlich ruhig in der Gruppe. Es gab keine Hektik in Bezug darauf, dass wir uns verlaufen hätten oder es langsam knapp mit der Zeit wird. Obwohl jeder öfters das Gefühl hatte, er könne nicht mehr, bzw. die Sch… voll von der Wanderung hatte, protestierte niemand. Jeder lief vor sich hin, wie er konnte, man wartete auf die anderen und es wurden gelegentlich kurze Pausen gemacht, bis wir endlich an der Cabana ankamen.

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