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Wanderung : Nächster Halt Sibiu : Tue 13 Jan 2009 : , , ,

Von Pferdewagen und Schäferhunden

Mein letzter Besuch in Apold ist schon recht lange her. Es muss wohl im September zum Freiwilligentreff gewesen sein. Am vergangenen Wochenende nun führten mich meine Wege wieder nach Apold.
Samstag:
Ich hatte mal wieder Lust zum Wandern und die Fahrt nach Apold/Trappold/Apold wollte ich nicht die ganze Zeit in einem Bus, an Tramperstellen und in Autos verbringen. So fuhr ich also von Sibiu aus per Anhalter bis nach Netus/Neithausen/Netus (zwei Dörfer vor Apold) und wollte von dort aus durch den Wald nach Apold laufen. Aber kurz nach dem Ortsausgang überholte mich eine caruta (Pferdewagen) und die drei Passagiere wollten wissen wohin mich meine Weg führten. “Ich laufe nach Apold, aber durch den Wald.”, rief ich zurück. “Ja, wir fahren nach Apold. Ja, Wald. Durch den Wald fahren wir.” 1359 160x120 2009 01 10 Apold 005 in Von Pferdewagen und Schäferhunden Leicht zweifelnd, ob dies mit dem Wald stimmte, stieg ich trotzdem auf, den schließlich sollte man sich so eine caruta-Fahrt hier in Rumänien nicht durch die Finger gehen lassen. So fuhr ich nun mit dem Pferdewagen durch Bradeni und an einem Wald vorbei, aber nicht hindurch, sondern direkt nach Apold. Ein Vater mit seinen drei Söhnen hatte mich aufgegabelt. Die vier waren kurz vorbei aus dem Dörfchen Jacobeni/Jakobsdorf/Jakabfalva gestartet und waren auf dem Weg nach Apold um Heu für ihre zwei Pferde einzukaufen. Etwa 200 Lei (50 Euro) sollte eine Fuhre Heu kosten. Und ich schätze, dass zur Bezahlung auch noch drei Hasen dienten, die in einem Karton mitreisten.

Sonntag:
Da ich am Vortag nicht die Möglichkeit hatte, meinem Drang zum Wandern auszuleben, wollte ich dies am Sonntag nachholen. Wenn schon nicht in die eine Richtung, dann in die Gegenrichtung – so wollte ich von Apold direkt nach Netus durch den Wald laufen.
Für das erste Drittel der Strecke hatte ich zwei Urlauber an meiner Seite, denen ich noch die auf meinem Weg liegende Breite zeigen wollte. Schon von Weitem sah ich eine Schafherde mit einer beachtlichen Anzahl von Hirtenhunden: mindestens sieben Hunde konnte ich zählen. So gebot ich meinen zwei Begleitern, Stöcke bzw. Äste zur Bewaffnung zu suchen und mitzunehmen.

Eigentlich gehört eine Schafherde mit ihren Hirtenhunden zum Reiz jeder Wandertour. Es ist stets unklar, was passiert. Ich habe noch nie gehört, dass ein Rumäne von Schäferhunden angefallen worden ist. Entweder geht kein Rumäne “scheinbar sinnlos” in der Natur wandern bzw. nur hoch auf dem Pferdewagen oder die Hunde sind nur auf fremdländisches Fleisch scharf. Icon Smile in Von Pferdewagen und Schäferhunden

Meine Vorbereitung bei einer Wanderung über Felder und Wiesen fängt immer mit der Suche nach einem oder zwei geeigneten Stöcken an. Wenn kein Wald oder Gebüsch in der Nähe ist, tut es auch eine Wasserflasche oder aufgelesene Steine. Einerseits sollen diese Bewaffnungen die Hunde abschrecken und andererseits einem selbst mehr Vertrauen geben. Wenn keines dieser Wurfgeschosse oder Abstandhalter aufzutreiben ist, kann die stetige Suche nach dem nächsten Baum zum Hinaufklettern auch helfen, die Ruhe zu bewahren.
Für den Fall, dass die Wegkreuzung mit einer Schafherde unablässig ist: sofort mit den Augen den Hirten suchen und auf den Hirten zugehen. Dadurch wird die Distanz verkürzt und der Hirte hat besser die Möglichkeit, seine Hunde zurückzurufen bzw. zu Hilfe zu kommen. Oft wird das Kommando “tiba” zum Zurückrufen/Zurechtweisen der Hunde verwendet. Ich zu meinem Teil konnte bisher eher einen “Wirkunsgrad” von wohl nicht mehr als 30 % bei Gebrauch dieses Wortes feststellen.
Wenn es nun doch einmal zur schnellen Annäherung einer Hundemeute kommen sollte, der man nicht aus dem Weg gehen kann, empfehle ich Folgendes: ruhig bleiben und nicht in Hektik verfallen. Stehen bleiben, mögliche Bewaffnung zeigen, aber nicht demonstrieren. Hinhocken oder auf die Knie gehen, um mit den Hunden auf gleicher Augenhöhe zu sein. Durch das Verringern der Körperhöhe/Größe erscheint man den Hunden nicht mehr als eine so große Bedrohung.
Dabei die Bewaffnung griffbereit auf dem Boden legen und eine Hand den Hunden zum Beschnuppern entgegenstrecken. Sollten die Angreifer näher kommen und die Hand beschnuppern, droht im Allgemeinen keine Gefahr mehr. Bei fortwährenden Drohgebärden sollte die Bewaffnung stetig mit den Armen rundum geschwenkt werden, um einen Abstand zu wahren. Eine Armbewegung, die einen Steinwurf simuliert, kann unter Umständen eine sehr abschreckende Wirkung haben.

Das Beschriebene kann sicher für den einen oder anderen sehr durcheinander und ungenau wirken. Ich muß jedoch klarstellen, dass es keine klaren Verhaltensweisen gibt, um den Angriffen oder gar Bissen der Hirtenhunde zu entkommen. Weder die defensive noch die offensive Taktik garantieren einen Erfolg bzw. eine freundliche Begegnung.
Und vielleicht gibt es in einigen Jahren keine Schafherden mit den dazugehörigen Hunden mehr. Jemand erzählte mir, dass freilaufende Hunde dank EU-Gesetzen verboten seien und zum anderen werden auch die Schafherden immer weniger. In beiden Fällen wäre es eine traurige Entwicklung wie ich es sehe, denn die Schafherden stellen eine gewisse Indentität für Rumänien dar.

Manch einer wird sich fragen, warum die Schäferhunde hier in Rumänien als so gefährlich gelten bzw. dies teilweise auch sind. Denn obwohl es z. B. in Deutschland nur noch wenige Schafherden gibt, verhalten sich die Hunde dort anders. In den Ländern sehr geringer Bedrohung der Schafherden durch natürliche Feinde wie Wölfe oder Bären übernimmt der Schäferhund den Part eines zweiten Schäfers, um die Schafherde beisammen zu halten und in die richtige Richtung zu lenken. Hier in Rumänien müssen die Schaf- bzw. auch Ziegenherden vor den Bären und Wölfen geschützt werden. Wer durch die Dörfer und bei den Bauern und Hirten nachfragt, wird viele Geschichten von Überfällen der Bären auf Schafherden hören. Angeblich werden Ziegenherden von Bären nicht angegriffen. Die Hunde werden durch bestimmte Methoden so erzogen, dass sie auf sich annähernde Tiere bzw. Personen besondern agressiv reagieren. Zum Beispiel durch (Aus-) Hungern der Hunde kann eine agressivere Reaktion derselben hervorgerufen werden. Oft sieht man, das Hirtenhunde einen Stock um den Hals hängen haben. Durch ein Halsband und einen Strick ist ein etwa 20 bis 30 cm langer Holzstock etwa 20 cm unterhalb des Hals hängend befestigt. Dahinter steckt der stetige Versuch, die Hunde möglichst nah bei der Herde zu halten. Dieser querhängende Stock soll den Hund daran hindern, nicht allzu weit und schnell hinter einem Tier hinterherzujagen und im Gebüsch den Hund abbremsen bzw. aufhalten.

So, nun zurück zur Wanderung und den Hunden, welche immer näher kamen und ständig mehr wurden. 1363 160x120 2009 01 11 Apold 032 in Von Pferdewagen und Schäferhunden Bis auf etwa vier Meter waren sie schon an uns herangekommen und sie bellten und fletschten ihre Zähne. Ich kniete mich hin und streckte meine Hand aus und fast sofort hörten das Bellen und die Drohgebärden auf. Ich legte auch noch meinen Stock auf die Erde und zwei Hunde kamen noch weiter auf mich zu und beschnupperten meine Hand und ließen sich streicheln. Sofort waren fast die Hälfte der Hunde um uns versammelt und waren zugleich die liebsten Hunde, die sich wie kleine Kinder benahmen – als hätte man sie ein Jahr lang nicht mehr gekrault und gestreichelt. Wir “spielten” noch fünf Minuten mit den Hunden, ehe wir unseren Weg zur Breite weitergingen. Die Hunde hatten von uns abgelassen und wir hörten kein einziges Bellen mehr.

Woher der Begriff “Breite” kommt und was er eigentlich bedeutet, ist mir nicht ganz klar. Wenn aber hier in Siebenbürgen von einer oder der Breite gesprochen wird, handelt es sich oft um eine große (breite ??) und lichte Wiese, auf der sehr alte Eichen stehen. Durch Wälder abgegrenzt sind die Breiten oft nur schwer zu entdecken. So gibt es bei Sighisoara/Schässburg/Segesvar eine unter Naturschutz gestellte Breite. Das ist auch genau der Ort, an dem vor einigen Jahren ein Investor einen Draculavergnügungspark errichten lassen wollte. Zum Glück konnte dieses Vorhaben nicht in die Tat umgesetzt werden.
Früher waren die Eichen ein Symbol von Rumänien bzw. Siebenbürgen, jedoch findet man diese Bäume nicht mehr so oft.
Auf der Breite verabschiedete ich mich von meinen zwei Begleitern und folgte einem alten Forstweg. Durch Zufall bin ich im Besitz alter sowjetischer Militärkarten und benutze diese oft für meine Wanderungen. Diese von 1945 erstellten Karten enthalten Wald- und Feldwege, die heute auf keiner Karte mehr verzeichnet sind. Oft werde diese Wege von den Einheimischen noch genutzt, haben aber leider an Bedeutung verloren. Diese alten Wege bieten sicherlich ein großes Potential für den Tourismus als Wanderwege im Sommer oder für den Langlauf im Winter.

Zu meinem Glück war mein Weg vorher von einem Auto befahren worden. Es war schon recht spät und die Dämmerung war nicht weit. So folgte ich blindlinks einer Autospur im Wald. Völlig unerwartet hatte ich so den richtigen Weg gewählt und erblickte bald das Dorf Netus und hatte eine wunderbare Aussicht auf die in der Abendsonne verhüllten Karpaten. Kurz nach meinem Einzug in das Dorf wurde es dunkel.



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3 Responses to “Von Pferdewagen und Schäferhunden”




  1. Gerd Says:

    Hallo Markus,
    ein sehr schöner Beitrag, auch sehr hilfreich, deine Tipps zu den Hunden!
    Gruß Gerd

  2. Webnews.de Says:

    Von Pferdewagen und Schäferhunden…

    Mein letzter Besuch in Apold ist schon recht lange her. Es muss wohl im September zum Freiwilligentr…

  3. Der Umgang mit Schäferhunden in Rumänien - nächster Halt Sibiu - Nächster Halt Sibiu Says:

    [...] meinem Artikel Von Pferdewagen und Schäferhunden hatte ich schon einiges über den Umgang mit Schäferhunde erzählt, jedoch möchte ich es hier [...]

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