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Drei Jahre erlebtes Bukarest

Die lange und weite Anfahrt ins “Grüne” war ein Punkt, welcher mir die Entscheidung erleichterte, die Hauptstadt zu verlassen. Der zweite und im Moment auch letzte Punkt war die Anonymität in der Hauptstadt. Anonymität in dem Sinne, dass man sich tagelang in der Stadt bewegen kann, ohne ein bekanntes Gesicht anzutreffen, ohne “Smalltalk” auf der Straße oder vor der Haustür mit den Nachbarn oder mit Bekannten, ohne “Sozialaustausch”, der einem vom Alltag ablenkt, der einem nicht das Gefühl der Vergessenheit oder Einsamkeit vermittelt. Also Gründe, welche typisch für eine Großstadt sind.

Damals, als ich in Bukarest “einzog”, fand ich die Größe der Stadt optimal. Aus einer relativ großen Stadt wie Dresden kommend, war Bukarest voll okay für mich. Andere Städte in Rumänien empfand ich als zu klein. “Wenig” Fläche und nicht allzu viele Einwohner.

Nach drei Jahren beschreibe ich Bukarest als ein “riesengroßes Schwimmbecken”, als ein Schwimmbecken der Anonymität. Ein Stück habe ich sie mir selbst geschaffen, da mein Freundeskreis vorwiegend aus Nomaden bestand, aus Personen, welche sich kurz oder lang, einer Tätigkeit nachgehend als “Gast” in Rumänien aufhielten.
Im Schwimmbecken befinden sich viele Menschen, welche man mit Händen und Füßen anstößt oder sogar wegdrückt. Vom ganzen Geplansche und den vielen Köpfen verliert man den Überblick und den Beckenrand zur Orientierung aus den Augen. Jeder versucht, sich auf seine Weise über Wasser zu halten, oft ohne Rücksicht oder Absprache mit den andern. Einige schaffen es gerade so mit “Hundepaddeln”, andere ziehen ohne einen Tropfen Wasser zu verspritzen routiniert ihre Bahnen. Andere haben das Schwimmen erst vor kurzem gelernt und müssen dies in allen möglichen Lagen und Arten niemandem und doch allen mit viel Getöse demonstrieren.

Ja – Menschen in Bukarest leben oft etwas distanziert von ihren Mitmenschen, werden in der großen Menschenmenge als unfreundlich und sehr ellenbogenbenutzend dargestellt. In der großen Anonymität ist jeder auf sich allein gestellt und Rücksicht auf den Nächsten scheinbar nicht notwendig.
Auch von ihren “Mitmenschen” aus dem umliegendem Rumänien erfährt die Hauptstadt keineswegs eine gute Beurteilung. Unfreundlich und hektisch seien die Bukarester.

Vielleicht ist es jene beschriebene Anonymität welche Bukarest als ein “anderes Rumänien”, “einen separaten Teil” bzw. “als nicht zu Rumänien gehörenden Teil” dastehen lässt. Als hektisch, unfreundlich und auf sich selbst bedacht, wird die Hauptstadt bzw. die Menschen dort beschrieben. Im Gegensatz dazu wird Rumänien bzw. werden die Bewohner als gastfreundlich, “lebenslustig” und “locker” beschrieben.

Fast als kleine Feindschaft zwischen der Hauptstadt und verschiedenen Landesteilen würde ich es bezeichnen. Relativ am Anfang meiner Zeit in Bukarest, im Jahre 2004, sah ich dort einen Wetterbericht für Rumänien im Fernsehen. Siebenbürgen war darauf als eine große leere Fläche vertreten. Wahrscheinlich haben die Karpaten als (imaginäre) Grenze noch lang nicht ausgedient.

Am Beispiel Siebenbürgens: von Bukarest aus gesehen sollte es nicht Transsylvanien – “das Land hinter den Wäldern” – genannt werden. “Land hinter den Bergen” trifft es viel besser. “Wir hier in Bukarest haben unsere eigenen Probleme, kümmern uns doch schon um die Geschicke des Landes. Also warum sollte uns da das Gebiet hinter den Bergen interessieren?” Dieses Gefühl hatte ich oft.
Und von der anderen Seite, ebenfalls am Beispiel Siebenbürgens: “Bukarest ist weit entfernt, also halb so wild was die da anstellen. Wir haben uns und gehören zu Europa” – etwas überspitzt formuliert.
Während nördlich und westlich der Karpaten alles und jeder mit einem Auge nach Westen, nach Mittel- und Westeuropa blickt, fast so, wie es die Geografie vorschreibt, genoss ich in Bukarest eine 360°-Grad-Rundum-Sicht. Abgesehen von den leeren Flecken auf der rumänischen Landkarte war alles andere gleich nah und fern. Zwar gab es eine (auch persönliche) Tendenz zum europäischen Westen, aber sonst war Berlin nachrichtenmäßig genauso weit entfernt wie Moskau, Peking, Jerusalem, Rom oder Washington. Das waren meine Eindrücke, vielleicht bestärkt durch die Nachrichten welche häufig von den Reisen der Regierungsmannschaft in alle Herren Länder berichteten, aber auch durch das scheinbar zwanghafte Mitmischen in allen möglichen internationalen Vereinen – als müsste sich Rumänien beweisen oder präsentieren.

(Teil 1)



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2 Responses to “Drei Jahre erlebtes Bukarest”




  1. Toni Says:

    leider war ich auch nur ein Fisch, nein ein Nomade in diesem Schwimmbecken!

    Ich liebe diese, noch vor Moskau unwirklichste Stadt die ich in meinem Leben kennenlernen durfte so sehr!

    Wer weiß ob ich in diese Stadt zurückkehren werde um das Schwimmbecken zu verlassen…ein Traum ist es auf jeden Fall!

    Toller Bericht über diese tolle Stadt mit seinen tollen Menschen!

  2. Mihai Says:

    Hallo Markus

    Ich finde Du hast Bukarest sehr treffend beschrieben. Ich verstehe nicht wie man es da so lange aushalten kann ohne auch agressiv und frustriert zu werden.

    Lese gerne in Deinem Blog. Mach bitte weiter.

    Mihai

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