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Ein sterbendes Dorf : Fotos, Nächster Halt Sibiu : Mon 22 Oct 2007 : ,

Verlassen, Gherdeal

“Aus 120 Höfen bestand Gherdeal”, erzählt der alte Mann, welcher uns am Brunnen begegnet. Er Wohnt auf dem kleinen Bauernhof etwas oberhalb, gleich am Brunnen. Die dazugehörige Scheune besteht aus unverputzten Backsteinen und im durchhängenden Dach fehlen schon einige Dachziegel.  in Verlassen, GherdealFrüher war der 83-jährige auf dem Feld tätig. Dafür und dass er später im Wald Holz zu Meterstücken zurechtgesägt hat, bekommt er eine Rente von ewas knapp über 100 EURO. Von den Bewohnern der 120 Höfe sind heute nur noch wenige Menschen geblieben. Zwischen 20 und 30 sollen noch in Gherdeal leben. Einige wohnen nur in den Sommermonaten im Dorf und verbringen die restliche Zeit in Städten Avrig (dt.:Freck, ung.:Felek ) oder Fagaraş (dt.:Fogarasch, ung.:Fogaras).
Die Wege im Dorf sind etwas verschlungen, so dass die eigentliche Größe nicht gleich ersichtlich ist. Es liegt gekrümmt im Tal und zugleich am Berghang. Die vielen Bäume verhindern einen schnellen Überblick. Nur selten begegnen uns Haustiere. Ein Mann führt eine Kuh zur Tränke, es soll nur noch 3 Kühe im Dorf geben. Früher gab es wie in jedem Dorf einen Hirten, dem man den Tag über seine Kühe, Büffel, Pferde, Schafe oder Ziegen anvertraut hat. Heute müssen die Wenigen selbst dafür sorgen.
Der alte Mann zeigt uns die Richtung zum orthodoxen Friedhof. Thumbs 2007 10 16 Gherdeal 036 in Verlassen, GherdealSeine Frau hat er schon vor Jahren dort begraben müssen. Das Doppelgrab des Ehepaares ist das einzige mit einem Foto beider Eheleute auf dem Grabstein. Ebenso wie der evangelische sieht auch der orthodoxe Friedhof sehr verwildert aus. In der Kirche war sicher seit Jahren niemand mehr. 3 Gräber fallen aber auf. Diese sind gepflegt, doch ohne Grabstein, und die Beerdigungen liegen schon mehr als 15-20 Jahre zurück.
Inwieweit sich die ehemaligen Bewohner der Höfe noch zuständig fühlen ist oft nur schwer feststellbar. Ein Hof in der Nähe des Brunnens sei an einen Mann aus Bistritz verkaufen worden. Bei anderen Höfen und deren Häusern stehen die Türen offen oder diese liegen kaputt am Boden.
Auf dem Spaziergang durch das Dorf laufen uns nur Gänse, Katzen und Hunde über den Weg. Später zum Abend hin begegnen uns einige mit Holz beladene Pferdewagen, aber alle fahren nur durch Gherdel (dt.:Gürteln, ung.:Gerdaly) durch. Seit einiger Zeit gibt es auch einen Briefkasten im Dorf. Dieser wird sicherlich nur einmal im Monat geleert, wenn der Postbote die Renten ins Haus bringt. Im Telefonbuch ist Gürteln, so der deutsche Name, nur mit einer Telefonnummer vertreten. Wer telefonieren oder angerufen werden möchte, geht zu Johannes. Er wohnt gleich am Dorfeingang. Mit Helmut, seinem Bruder, sind sie mit die letzten Sachsen im Dorf.
Vor 5 Jahren standen das kleine Dorf und deren Bewohner im Mittelpunkt eines Dokumentarfilms. Nach dem Dorf benannt zeigt der Film “Gherdeal” die Versuche des Überlebens in einem eigentlich schon längst verlassenen Dorf. Einige der Personen aus dem Film sind inzwischen weggezogen, gestorben oder, wie Georg, jetzt im Altenheim in Sibiu. Zwei aus dem Filmteam, Thomas und Hans, kommen jedes Jahr aus Deutschland nach Rumänien. Durch Besuche in Gherdeal erleben und dokumentieren sie die wenigen Veränderungen des Dorfes im Zeitraffer.
Vor uns taucht die alte Schule auf. Die Fenster fehlen fast alle,  in Verlassen, Gherdealdie restliche Bausubstanz außen und innen hat schon erhebliche Mängel, so dass von einem Betreten dringend abgeraten werden muss. Daneben erhebt sich die evangelische Kirche mit der rechteckigen Ringmauer. Wie in vielen anderen Orten Siebenbürgens hat auch diese Kirchenburg schon etwas gelitten. Auf dem buckligen Dach der Kirche fehlen Dachziegel, dass es nur so hineinregnen muss. Beim Näherkommen ertönen zu unserer Überraschung aus einem der Türme Gehämmer und Stimmen. Im Kirchenhof begegnen uns Zigeuner. Aus dem Nachbardorf Bruiu/Braller kommend arbeiten sie für einen deutschen Auftraggeber und bessern die Schadstellen an der Kirchenburg aus.
Die Sonne ist schon längst untergegangen, als uns der Heimweg aus dem Dorf führt. 3 Straßenlateren kämpfen gegen die Dunkelheit. Wir zählen nur 5 Häuser, aus denen spärliches Licht nach außen dringt. Licht, das die gespenstische Stille im Dorf zu stören versucht.
Karte

Die Internetseite zum Film: http://www.smenafilm.de/

Gherdeal:
Abdruckt in der Hermannstädter Zeitung vom 26.Oktober 2007:
Verlassen und sehr still



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5 Responses to “Verlassen, Gherdeal”




  1. Webnews.de Says:

    Verlassen, Gherdeal…

    “Aus 120 Höfen bestand Gherdeal”, erzählt der alte Mann, welcher uns am Brunnen begegnet. Er W…

  2. nächster Halt Sibiu - (Titel temporär) Says:

    Keiner zu Haus in Gherdeal/Gürteln

    Im Frühjahr 2004 hörte ich das erste mal von dem Dorf Gherdel/Gürteln in Rumänien. Das kleine Dorf in Siebenbürgen war der Handlungsspielplatz des Filmes “Gherdeal”, den ich 2004 in Dresden sah.
    Drei Jahre später, 2007 im Oktober ha…

  3. ELSIE SCHUSTER Says:

    My grandmother Katherine Schuster and Grandfather
    Johann Schuster lived at 39 Gherdeal from around 1908 into the 1940′s. They had 2 sons John Schuster born around 1908 and my father Michael Schuster born in 1910 in Gherdeal. Michael Schuster emmigrated to Canada in 1928. Does anyone know if the house #39 is still there and does anyone have any information of this family. Nice seeing the pictures you have, would like to see more of this village if possible.

  4. Gudrun Says:

    Elsie, you can send a mail or letter to:

    yusch30@web.de

    Udo Schuster
    Bietigheimer Str.27
    74343 Sachsenheim
    Germany

    I`m shure he can help you to find some information about your grandfathers family.

  5. Elsie Schuster Says:

    Gudrun…Thank you very much for your reply. Sorry I do not speak German so I hope you can read this message. I will try to contact Udo Schuster as soon as possible. Thanks again for your help.

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